Der Terminus Ganzheit (grch. Holos) beschreibt einen Denkstil, der die natürlichen Geschehnisse in einem sich gegenseitig beeinflussenden Zusammenhang wahrnimmt und zu verstehen sucht. Dies steht der atomistischen, partikularen Weltsicht entgegen, welche das Verständnis aus den einzelnen Elementen und ihren Bestandteilen unabhängig voneinander herzuleiten versucht.
Vereinfacht ausgedrückt, forschen holistische Ansätze nach Mustern der Komplexität und formulieren Synthesen.
Holistische Konzepte in der Medizin stehen daher der reduktionistischen Spezialisierung entgegen, welche sich im Zuge der naturwissenschaftlich geprägten Technisierung und ihren Errungenschaften gerade in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der westlichen Hemisphäre in den Vordergrund geschoben hat.
Es können gegenwärtig zwei Perspektiven der Ganzheitsmedizin beschrieben werden:
Ganzheitlich-systemische Medizin Theorien, welche den Menschen als bio-psycho-soziales Wesen mit einem individuellen reflektierenden Bewusstsein definieren, der im Kontext seines Bezugssystems und seiner Umwelt in Gesundheit und Krankheit verstanden, diagnostiziert und therapiert werden soll.
Pragmatische Standpunkte, die in der Praxis einer einseitig betonten Diagnose- und Therapie Ausrichtung durch interdisziplinäre Verknüpfung entgegenwirken wollen, indem der Fokus bewusst auf die Bewältigung der individuellen Problemsituation gelegt wird. Ziel der Diagnose und Behandlung, gerade in der Betreuung chronisch Kranker ist dabei „die umfassende Berücksichtigung aller Aspekte des Krankseins unter Beachtung der Lebensbedingungen des Patienten, seiner Vorstellung von Krankheit und Gesundheit sowie seiner Wünsche, am Behandlungsprozess teilzunehmen oder sich in ihm passiv zu verhalten“ (Milz, 1987). Ganzheitlichkeit nimmt in diesem Sinne den Kranken in den Blick und orientiert sich an seinen Bedürfnissen, sein Kranksein zu bewältigen. (s. a. Menschenbild in der Therapie)
Gerade die Forschungen zu holistischen Ansätzen liefern wichtige Erkenntnisse, die für ganzheitliche Diagnose- und Heilverfahren von Nutzen sind. Sie werden deshalb hier in einem eigenen Abschnitt zur Darstellung kommen. Hierzu gehören neben einer umfassenden Diskussion des Gesundheits- und Krankheitsbegriffes auf einer epistemologischen Basis vor allem wesentliche Beiträge zur Psychosomatik, zur Salutogenese sowie zum biopsychosozialen Modell.
Das Lebenskraft-Modell wird zusätzlich diskutiert, da es zu Beginn des 19. Jahrhunderts zum Zeitpunkt der Formulierung der Homöopathie eine weite Verbreitung in der Medizinwelt hatte und bis heute als Terminus zur Begründung unterschiedlichster Therapieformen immer wieder herangezogen wird.
Milz, H. (1986). Die ganzheitliche Medizin: Neue Wege zur Gesundheit (2. Aufl.). Athenäum.